Wie Weinbewertungen funktionieren und wer sie international prägt

Verkostung von hochwertigem Rotwein

Kaum eine Zahl besitzt im Weinmarkt so viel Macht wie 100 Parker-Punkte. Bewertungen sind mehr als Orientierung; sie sind Machtfaktor, Preisindikator und oft stilprägender Kompass ganzer Regionen.

Die Stars der Weinbewertung – und wie sie den Weinmarkt prägen

Zwischen Subskriptionskampagnen in Bordeaux, Prestige-Cuvées aus dem Napa Valley und ikonischen Gewächsen aus der Toskana entscheiden wenige einflussreiche Stimmen darüber, welche Etiketten Kultstatus erreichen, welche Märkte aufspringen und welche Jahrgänge Geschichte schreiben. In einem globalisierten Premiumsegment sind Weinkritiker zu Architekten von Reputation, Begehrlichkeit und wirtschaftlichem Erfolg geworden. Doch wie entstehen diese Urteile, und wer sind die Menschen dahinter?

Die einflussreichsten Stimmen der Weinkritik

  • ▪️Robert Parker: Der Mann, der den Markt neu erfand 

  • ▪️James Suckling: Der global vernetzte Punktesammler mit Gespür für Prestige-Cuvées

  • ▪️Jancis Robinson: Die intellektuelle Instanz mit akademischer Tiefe und unabhängiger Stimme

  • ▪️Vinous: Die analytische Plattform für anspruchsvolle Verkoster und Profis

  • ▪️Bettane & Desseauve: Das französische Duo als maßgebliche Referenz für Terroir und Tradition

  • ▪️Decanter: Das britische Leitmedium zwischen Expertise, Wettbewerb und internationaler Strahlkraft

  • ▪️Wine Spectator: Die amerikanische Institution mit enormer Marktmacht und Reichweite

  • ▪️The Wine Independent: Die kritische Bordeaux- und Napa-Instanz mit kompromissloser Detailtiefe 

Die Bewertungssysteme: Wie Qualität messbar gemacht wird

Weltweit haben sich vor allem zwei Systeme etabliert, die mit ihrer Skala dasselbe versprechen: Qualität objektiv vergleichbar zu machen.

Der Platzhirsch: Das 100-Punkte-System

Robert Parker machte dieses System in den 1970er Jahren populär; seither dominiert es den globalen Weinmarkt. Die Skala ist simpel, aber psychologisch effektiv:

Basis: Jeder Wein startet theoretisch mit 50 Basispunkten.
Kriterien: Bewertet werden Farbe, Geruch, Geschmack/Abgang, Gesamteindruck und Lagerpotential.
Die Logik: Ab 70 Punkten gilt ein Wein als fehlerfrei, ab 90 als hervorragend, ab 95 als außergewöhnlich ("Classic").

Das System wirkt mathematisch präzise. Ein „96-Punkte-Wein“ klingt objektiver als das Adjektiv „hervorragend“ – auch wenn dahinter dieselbe Subjektivität steckt. Genau diese vermeintliche Objektivität hat das System zum globalen Standard gemacht.

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Die europäische Tradition: Das 20-Punkte-System

In Europa genießt das feinere 20-Punkte-System weiterhin hohes Ansehen. Es geht oft auf das COS-Schema zurück: Color (Farbe), Odor (Geruch), Sapor (Geschmack) plus Gesamteindruck. Jancis Robinson oder der Schweizer René Gabriel schwören darauf. Das Argument: 20 Punkte erlauben differenzierte Abstufungen, ohne eine scheinbare mathematische Präzision vorzugaukeln, die es bei einem Naturprodukt kaum geben kann.

Die "Big Player": Wer die Märkte bewegt

Die internationale Weinkritik ist eine enorme Marktmacht. Importeure und Sammler reagieren oft binnen Minuten auf neue Bewertungen der folgenden Instanzen:

1. Robert Parker & The Wine Advocate (USA): Der Pionier

Der amerikanische Anwalt begann in den 70ern, Weine unabhängig von Tradition oder großen Namen zu bewerten. Sein Credo: Nur das Glas zählt.

Der Stil: Der Weinkritiker bevorzugte oft kraftvolle, reife, fruchtbetonte Weine mit viel Extrakt und Barrique-Einsatz. Dies führte zur Kritik der „Parkerisierung“: Winzer (besonders in Bordeaux) passten ihren Stil an, um hohe Punkte zu ergattern.

Heute: Der US-amerikanische Weinpapst hat sich inzwischen zurückgezogen. Sein Erbe verwaltet sein Wine Advocate Team um William Kelley und Luis Gutiérrez. Ihre Urteile bewegen nach wie vor die Preise für Bordeaux, Rhône, Spanien und US-Weine.

2. James Suckling (USA/Hongkong): Der globale Vernetzer

Suckling ist heute fast ebenso marktrelevant wie der Wine Advocate.

Der Stil: Er gilt als „freundlicher“ Weinkritiker, dessen Bewertungen tendenziell großzügiger ausfallen. Seine 100-Punkte-Scores werden im Handel wie Börsenkurse gehandelt.

Fokus: Besonders stark bei Weinen aus Italien (vor allem die Toskana), Bordeaux und der Champagne.

👉Bordeaux 2022: Der neueste Bericht von James Suckling

3. Jancis Robinson (UK): Die intellektuelle Instanz

Die britische Master of Wine und Co-Autorin des „Oxford Companion to Wine“ ist das europäische Gegenwicht zu den amerikanischen Punkterichtern.

Der Stil: Ihre Analysen sind differenziert, ihre Sprache präzise. Sie schätzt Terroir, Eleganz und Weine, die eine Geschichte erzählen, mehr als pure Kraft ("Blockbuster-Weine"). Sie nutzt das 20-Punkte-System.

🪨Was ist ein Terroir-Wein? Die Antworten in unserem Themen-Beitrag.

4. Vinous (USA): Die analytische Plattform

Gegründet von Antonio Galloni, ist Vinous heute eine der wichtigsten modernen Plattformen der Weinbewertung.

Wichtigste Stimme: Neal Martin (ehemals Parker-Nachfolger) schreibt hier. Er gilt als einer der besten Bordeaux- und Burgund-Kenner weltweit. Der Stil ist weniger kraftorientiert, sondern fokussiert auf Tanninstruktur und Terroir.

5. Weitere wichtige Stimmen

  • Wine Spectator (USA): Eine Institution mit enormer Reichweite im US-Markt. Weniger nischig, sehr breit aufgestellt.

  • Decanter (UK): Das britische Leitmedium. Besonders relevant durch die Decanter World Wine Awards, die Weinen internationale Sichtbarkeit verschaffen.

  • Bettane & Desseauve (Frankreich): Die Referenz für französische Tradition. Sie betonen Authentizität und Herkunft, sind international aber weniger laut als die Amerikaner. Ihre identitätsstiftende Skala und die in ihren Guides primär genutzte Währung ist die Note aus 20.

  • The Wine Independent: Das Hauptmerkmal ist die redaktionelle Unabhängigkeit (keine Werbung, keine Einladungen) und visuelles Storytelling. Die Plattform deckt sowohl Alte Welt (Bordeaux) als auch Neue Welt (Napa) intensiv ab.

Was ist eine gute Weinbewertung?

Der Faktor Subjektivität

Die internationale Weinkritik unterscheidet sich nicht nur in ihren Systemen, sondern auch in ihren Präferenzen. The Wine Advocate und James Suckling schätzen kraftvolle, reife Weine mit Struktur und Lagerpotenzial. Robinson, Bettane & Desseuve hingegen bevorzugen subtilere Profile, Eleganz, Trinkfluss. 

Das hat Konsequenzen. Ein burgundischer Pinot Noir mit 12,5 Prozent Alkohol und zarter Frucht mag bei Robinson 18 von 20 Punkten erhalten – beim Wine Advocate hätte er vielleicht 88 bekommen. Umgekehrt würde ein opulenter Napa Cabernet mit 15 Prozent Alkohol beim Wine Advocate brillieren, während Robinson ihn als überladen abtun könnte. 

Diese Diversität ist wichtig. Sie zeigt, dass Weinqualität nicht absolut ist, sondern kontextabhängig. Ein Bewertung ist kein Naturgesetz, sondern eine Meinung – fundiert, aber subjektiv.

Macht und Schattenseiten

Hohe Scores verkaufen Wein. Ein 95-Punkte-Rating von einem bekannten Weinkritiker kann den Preis eines unbekannten Weins über Nacht verdreifachen. Doch das verleitet Winzer dazu, Weine für Kritiker zu produzieren statt für den eigenen Stil. Zudem fehlt oft Transparenz: Wer verkostet blind? Wer hat Interessenkonflikte?

Die Demokratisierung: Vivino & Co.

Plattformen wie Vivino haben das Spiel erweitert. Hier bewerten Millionen Nutzer mit 5 Sternen. Das ist zwar subjektiver, aber oft ehrlicher für den Alltagsgebrauch. Ein Vivino-Score von 4,2 bei einem 10-Euro-Wein ist für den normalen Konsumenten oft aussagekräftiger als eine Parker-Bewertung für einen 200-Euro-Wein.

Vertrauen Sie Ihrem Geschmack

Wer Weinbewertungen nutzen will, sollte mehrere Quellen konsultieren. Verstehen Sie die Vorlieben der Kritiker: Suchen Sie Kraft? Schauen Sie nach amerikanischen Bewertungen. Suchen Sie Eleganz? Orientieren Sie sich an britischen oder französischen Kritikern.

Am Ende zählt jedoch nicht die Zahl auf dem Etikett, sondern das Glas in der Hand. Die beste Bewertung ist immer noch Ihr Gaumen.

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