René Gabriel
99: Fassprobe (18/20): Würziges, von Cabernet geprägtes Bouquet, Flieder, Heidelbeeren, ein Hauch Minze, wirkt sehr dicht und zeigt ein tiefgründiges Duftpotential. Stoffiger, dichter Gaumen, Lakritzenwürze im sehr blaubeerigen Spiel, nicht so fein wie Château Margaux, aber ebenso viel Kraft und Extraktion ausstrahlend, gutes Gerüst und fast etwas bourgeoise Textur, viel Rückaroma, grosses Potential. Seit 1989 endlich wieder einmal ein ganz grosser Palmer! 00: Dichtes, nach Holunder, Black Currant und viel Brombeeren riechendes Bouquet. Im Gaumen fest, komprimierte Textur, Marroninote im intensiven Finale (18/20). 04: Momentan in einer offensichtlich schwierigen Phase, Glutamat und Hühnerbouillonpaste, gekochte Pflaumen, wirkt etwas schweissig und zeigt animalische Grundnoten im Nasenbild, erinnert fast etwas an einen Côte-Rôtie. Im Gaumen marmeladige Fruchtnoten, wirkt durch gewisse Cabernet-Lots sanft dropsig und mutet etwas grün an. War in früheren Degustationen immer auf besserem Niveau, es könnte sich also um eine leicht unsaubere Flasche gehandelt haben. 07: Die Entwicklung ist positiv. Ich erlebte ihn als Palmer der durchaus noch zulegen kann und eine schöne, trüffelige Tiefe zeigt, das Potential ist beträchtlich und somit lohnt es sich nach diesen, noch recht günstig gehandelten Wein Ausschau zu halten. Erste Genussreife erst in etwa 5 Jahren. Kann dann noch einen Punkt zulegen! 08: Reifendes Granat-Purpur, zarter Reifeschimmer am Rand. Erdiges Bouquet, wirkt dezent unsauber, oder halt artisanal – je nach Interpretation, schwitzende Tierhaut, vulgärer Cabernetton, Bretanomyces. Im Gaumen ist wiederum dieser unsauber, an altes Fass erinnernde Ton fest zu stellen, die Tannine wären eigentlich wunderschön und auch der Körperbau stimmt, aber von der Grundaromen hinterlässt dieser Wein letztendlich doch eher zwiespältige Eindrücke. Potentialwertung: 18/20. 09: Dunkles, leuchtendes Granat mit lila Schimmer. Geballtes, würziges, und erstaunlich konzentriertes Bouquet, schöpft seine maulbeerigen und an dunkle Edelhölzer erinnernden Aromen aus einer beeindruckenden Tiefe, legt nur langsam zu an der Luft und zeigt so seine Jugend. Im Gaumen elegant und kräftig zugleich, sehr ausgeglichene Adstringenz, die Aromatik bleibt schwarzbeerig und im Finale zeigen sich feine Rauchnoten, was wiederum seine Tiefe beweist. Kann noch einen Punkt zulegen in seiner Genussreife. (18/20). 10: Erstaunlich dunkel und praktisch noch keine Reifetöne. Wuchtiges Rotpflaumenbouquet, eine traumhafte Milchschoko-Süsse zeigend, die sich knapp am Kompottigen bewegt. Burgundischer Gaumen, mit einem verführerischen Parfüm in Innern, wirkt etwas reserviert, was aber auch vielleicht auf sein unterschätztes Potential deuten könnte. Liegt erst in den Startlöchern und wer noch 10 Jahre wartet, der wird belohnt. 11: Im Juni wieder verkostet. Sattes Purpur-Granat. Beginnt würzig mit viel Maulbeeren und feinen Rauchnoten, Lakritze, sehr aromatisch bei einer delikaten Süsse die mitschwingt. Im Gaumen noch verlangenden Stoff zeigend, ab er doch dann feiner werdend, Charme und Eleganz mit viel Rückaroma. Hat in den letzten Jahren permanent zugelegt und kann ein Nachfolger vom genialen 1985er werden. 11: Ich bin fast ausgeflippt an einem Wine&Dine im Belvoir in Zürich. Wenn ich bedenke, wie die nächsten 5 Jahrgänge von Palmer sind, so müsste man davon jetzt noch so viel wie möglich kaufen. (19/20). 13: Wieder eine ganz tolle Flasche beim Kartenspielen bei Martin Merz. Er schlug den total verschlossenen Haut-Brion 2001 im Längen. (19/20). 16: Magnum. Sehr dunkles Granat und noch sehr jung, satte dichte Mitte. Das Bouquet ist genial, schwarzbeerig, tiefgründig mit viel Würze und noch recht viel Primäraromatik in sich tragend, floral und viel Heidelbeeren zeigend. Hoch aromatischer Gaumen, schöne Cabernet-Tendenz in der Grundaromatik, ganz fein eine unterreife Tendenz anzeigend. Ein beruhigender und unterschätzter Palmer. Das war eine «surprisig schöne» Magnum! Nach diesem Wein lohnt es sich zu suchen, er verkauft sich (noch) unter seinem Wert. (19/20). 17: Er kam blind auf den Tisch und ich erkannte ihn nicht als Palmer, sondern ich vermutete, dass dies ein Saint Emilion sein könnte. Süsses, vielschichtiges Bouquet, herrliche Pflaumentöne, datuner findet man grünwürzige, dem Jahrgang entsprechende Cabernetspuren, ergänzt mit Lakritze. Im Gaumen elegant, saftig und wunderschön lang. Gleicht ziemlich dem 1985er vom Grundwesen her. (19/20). 17: Aufhellendes Granat, relativ grosser Rand aussen. Geniales Bouquet, floral, Maulbeeren, rote Kirschen. Im zweiten Ansatz zeigt er auch unglaublich frische, parfümierte Konturen. Im Gaumen saftig, elegant, lang und absolut harmonisch, aromatisch und mit blauen Fruchtnoten lange endend. Wie immer ist bei solch grossen Palmer’s die geschmackliche Distanz zu einem grossen Burgunder nicht weit. Dieser hier erinnert mich an einen Nuits-Cailles. Genau so muss Bordeaux! Nicht dick und erschlagend, sondern sanftmütig und edel. Es wäre wohl nicht schwer, von diesem tollen Margaux eine ganze Flasche alleine zu trinken! Man muss ihn nicht dekantieren, er legt – einmal geöffnet – gleich los. Kam auch in der «männrigen» Tischrunde sehr gut an. (19/20). 18: Sattes Purpur, gibt sich noch recht jugendlich in der Farbe. Das Bouquet wirkt unglaublich jugendlich, Maulbeeren, Cassis, Waldhimbeeren, helle Edelhölzer und ein Hauch von Zedern, vielschichtig und parfümiert. Der Gaumen ist elegant, weich und zeigt eine samtige Textur, wunderschön balanciert und von A bis Z harmonisch. Eine richtige 1998er-Delikatesse. Aber das wusste der Gabriel ja schon lange, denn er ist bei mir seit Jahren auf solidem «19er-Kurs». Seriös aber nicht bei Weitem nicht unnahbar. (19/20). 19: Magnum. Erstaunlich dunkle Farbe, sattes Granat mit schier noch schwarzen Reflexen in der Mitte. Bereits beim Dekantieren duftete es im Raum intensiv nach Waldhimbeeren. Das Bouquet ist schlichtweg genial. Immer noch viel Brombeeren und Cassis vermittelnd, schwarze Pfefferkörner, Lakritze, Vanilleschote und dunkle Schokolade. Im zweiten Ansatz; Backpflaumen und getrocknetes Hirschfleisch. Bereits nasal liegt dieser unglaubliche Palmer weit über den Jahrgangserwartungen. Im Gaumen extrem fein, die Tannine sind seidig. Der Wein hoch aromatisch, wirkt schon fast parfümiert und zeigt seinen legendären Maulbeerentouch. Dokumentarisch lang mit gebündeltem Finale. Dies ist einer der feinsten, coolsten Palmer seiner neueren Geschichte. Ein Wein mit Musse-Emotionen! Wenn man sich vorstellen kann, eine Flasche ganz alleine trinken, so hat dies nichts mit Alkoholismus zu tun, sondern mit einer ausgeprägten Sehnsucht nach Genuss. (19/20). Trinken, träumen, taumeln! 20: Bei Martin Merz getrunken. Eine wunderschöne Palmer-Beauty!!! (19/20). 21: Mittleres Weinrot, wirkt relativ transparent, aufhellender, wenig gereifter Rand. Würziges, wohliges, beruhigendes, dunkelbeeriges, vielschichtiges Bouquet. Zeigt dabei viel Aromatik mit Backpflaumen, Veilchen und auch Cassis. Im Gaumen mit viel Länge unterwegs, wunderschön balanciert, eine nuancierte Cabernetnote vermittelnd. Das Finale wirkt länger, als man es von der Nase eher vermutet hätte. Hier zeigt Palmer seine überraschende Qualität bei nicht ganz so einfachen Jahrgängen. Das macht richtig Spass auf recht hohem Niveau. Jetzt und wohl noch für 20 weitere Jahre. Für mich gehört er zu den besten Weinen dieses Jahrganges am linken Ufer. (19/20). 21: Aufhellendes Weinrot mit transparentem Rand. Geniales, burgundisch anmutendes Bouquet, zart animalische und mineralische Züge, verbunden mit viel roter bis blauer Frucht, so in Richtung Maulbeeren und Johannisbeeren. Im zweiten Ansatz, Bastholz, Zedern und dominikanischer Tabak. Im Gaumen tänzerisch und galant. Wenn man ihn schlürft, kann man das faszinierende, typische Palmer Parfüm entlocken. Im Finale schmeckt er dann wieder irgendwie nach Burgund. Die grossen Jahrgänge von diesem noblen Super-Troisième erinnern manchmal mitunter an einen Musigny in deren vollen Reife. Hier wird man an einen Chambertin erinnert. Insgesamt eher leicht bis mittelgewichtig. Was keine Kritik ist, sondern eine Eigenschaft. Und diese Eigenschaft ist mit einer tänzelnden Margaux-Primaballerina zu vergleichen. Habe grad kürzlich eine volle 12er Kiste für 225 Franken aus einem Privatkeller rausgetragen. Das war ein richtiges Schnäppchen. Jetzt sind es nur noch elf Flaschen. Immerhin! (19/20).