René Gabriel
Oft spiele ich eine unangenehme Rolle, weil ich bei meinen Besuchen auf Cos d'Estournel jeweils nach der persönlichen Meinung zu den just degustierten Weinen gefragt werde. Seit dem Jahrgang 1985 habe ich keine Ernte bei der Primeurverkostung ausgelassen. Und leider schien der Cos in den letzten Jahren meine Erwartungen selten zu erfüllen. Als einer der teuersten Super-Seconds war er meist nicht oder nur bedingt bei der Médoc-Grand-Cru-Spitze einzusetzen und erhielt entsprechende Noten. Beim Jahrgang 2002 gingen meine Kommentare leichter über die Lippen und es war keine Diplomatie angesagt, um den Wein zu justieren: 19/20 Punkte für einen der allerbesten Cos der letzten 20 Jahre!
Jean-Guillaume Prâts: <div style="font-style:italic;color:#990033">Vielleicht habe ich meine Lehre auf Cos jetzt abgeschlossen und auch manchmal Lehrgeld zahlen müssen. Das Können ist das Eine, die Erfahrung das Andere. In den allerletzten Jahren habe ich Cos selbst erst richtig kennengelernt. Es ist nicht zu verschweigen, dass der Besitzerwechsel auch negative Spuren bei der Qualitäts-Philosophie hinterliess. Auch bei der Mannschaft selbst waren gewisse Umstellungen nur mühsam zu bewältigen. Nun ist die alte Equipe weg, ein neuer Besitzer da und ich hatte die Chance, alles wieder so herzustellen wie es dieses Weingut verdient. Freilich ist die Basis-Qualität von diesem 2002er Cos durch natürliche Einflüsse schon im Rebberg entstanden. Durch das Absterben der Frucht bei der Blüte wurde der Ertrag schon im Frühjahr redimensioniert. Da es vor der Ernte mehrere Wochen nicht regnete, blieben die Traubenbeeren klein und konzentrierten sich enorm. Alkoholpotentiale von 13,4 Volumenprozent bedeuteten Rekord. Einen weiteren Rekord massen wir nach dem Vergären im Keller. Der Tanninindex stieg in der Hunderterskala auf 90. Die Säurewerte sind hoch, jedoch sehr reif und ergeben zusammen mit der dramatischen Konzentration sowie den stützenden Gerbstoffen eine Ausgeglichenheit auf sehr hohem Niveau.</div> 03: Fassprobe (19/20): Traumhaftes, dichtes Bouquet, Backpflaumen, Teernoten, Dörrbananen, Zedern, extrem tiefgründig, bleibt trotz seiner unglaublichen Intensität sehr nobel. Auch im Gaumen königliche Erhabenheit, schwarze Beeren und Mahagoninoten, Trüffel und Black Currant, extrem feine Tanningliederung, die süsslich ausstrahlt, umfassende Adstringenz, extrem nachhaltig. Hier beweist die Cos-Equipe, dass es möglich ist, an die alten Erfolge von 1985, 1988 und 1996 anzuknüpfen und dieser 2002er ist dann auch endlich wieder einmal der definitive Beweis, dass er in die Top-Kategorie der allerbesten Médoc-Weine gehört. Ein langlebiger Wein, der Klassik und Moderne in sich vereint. (19/20). Nochmals kurz vor der Füllung im April 2004 verkostet: Tiefes, extrem dunkles Violett-Granat. Verrücktes, nobles Bouquet, viel Edelhölzer, warme Frucht, Brombeeren und dunkle Nüsse. Im Gaumen füllig mit fetten, runden Tanninen, feine Schwarzschokonote im schmelzigen Extrakt, ein Traum-Cos, der seine Balance schon in der Jugend gefunden hat und sich weiter auf sehr hohem Niveau entwickeln wird, tolles, intensives Rückaroma. (19/20). 07: Intensives, dichtes Bouquet, reife Pflaumen, Edelhölzer, dunkle Schokolade, vielleicht im Moment etwas zurückhaltend, aber eine wahre Grösse im Ansatz zeigend. Reicher Gaumen, fette Tannine die jetzt schon Schmelz zeigen, Cassis im Innern, reife, kleine getrocknete Früchte, zeigt Reserve und wird sicherlich gross. 09: Momentan eher veschlossen und etwas Kanten von seiner Konzentration zeigend. Ich nehme ihn ein Bisschen zurück auf 18/20 und hoffe, dass er in zwei, drei Jahren dann wieder auf Fassprobenniveau liegt. 11: Jetzt am Anfgang einer wohl gut 15 Jahre dauernden Genussreife. Viel Mokka und Röstnoten, etwas Pumpernickelbrot mit einem mittelgewichtigen, aber doch gut fleischigem Körper. Vom Markt her ein absolut erschwinglicher Cos. (18/20). 12: Noch sehr dunkel mit fast violettem Schimmer. Die Nase zeigt schwarze Kirschen, Zederntouch, exotische Hölzer, facettenreich und vielschichtig, mittlerer Druck. Feiner Stoff im Gaumen, konzentriertes Extrakt, Lakritze und schwarzes Pfeffermehl im leicht mürben Finale. Man ging hier knapp an die Grenze bei der Vinifikation. (18/20). 13: Bei einem Diner auf Cos bereitete er jungen und auch grossen Trinkgenuss. Es ist einer der wenigen grossen 2002er welcher noch etwas viel Reserven hat - ausser Mouton. (17/20). 16: Jetzt sit er abgeschlankt, die Frucht is schier verschwunden und es kam nicht mehr viel nach. Im Gaumen schlank und mit einer vordergründigen Kernigkeit. Unbedingt autrinken. Ich hätte nicht gendach, dass er so schnell abgibt ohne dabei oxydativ zu werden. (16/20). 20: Sattes, sehr dunkles Weinrot mit einer Dichte, welche die Jahrgänge 2000 und 2001 in den Schatten stellt. Intensives Bouquet, sanft reduktiv (Mercaptan), schwarzbeerig, Mocca, Pumpernickel Brot. Im Gaumen satt, mit einer unlogischen Muskulatur für den Jahrgang. Auch hier zeigten dunkle Röstaromen einen forschen Vinifikationsparcours. Er blufft sich ein bisschen durch und will wohl zu gefallen wissen. Typizität und Ehrlichkeit wäre anders. Im Finale zeigt er dann deutlich die verschwenderische Extraktion. Immerhin zeigt er sich heute besser als früher. Trotzdem vermute ich, dass er nach und nach austrocken wird. (17/20). 21: Noch recht dunkles Granat, aussen minim ziegelrote Reflexe zeigend. Das Bouquet beginnt dezent floral und zeigte einen coolen, also knapp reifen Cabernetschimmer. Tintiger Ansatz, ein Hauch Geraniol und beginnende Noten von Liebstöckel. Gut gehaltener Gaumen, im aromatischen Finale findet man einerseits Restfrucht, andererseits auch welke Blattnoten. Endphase mit gutem Niveau. (17/20).