René Gabriel
Der erste Schluck liess hier einen möglichen Jahrhundertwein vermuten. Doch es kam bei einer nächsten Verkostung ganz anders: Fassungslos schaute ich auf das Etikett, nachdem es während einer umfassenden Yquem-Blindprobe enthüllt worden war. Dann schaute ich nochmals auf meinen Zettel: 15/20 Punkte! Und alle anderen Degustatoren schüttelten ebenfalls den Kopf, denn dieser legendäre 86er präsentierte sich ausserordentlich schlecht. Als ich ihn im Frühling mit Jean-Pierre Moueix zum ersten Mal trank, predigte ich am Mittagstisch, dass dieser Jahrgang für mich als Nachfolger für den 37er in Frage komme und jetzt dies: Eigenwilliges Bouquet; Sultaninen, an einen Rheinriesling erinnernd. Pflanzlicher Gaumen, feine Bitterkeit, chlorig, salzig. Zum Schlusswort hatte ich noch bemerkt; einfache Süsse ohne Klasse. Das muss eine schlechte Flasche gewesen sein! Auf alle Fälle ist hier das letzte Wort noch nicht gesprochen. Keine Bewertung für diese Flasche! 1996 aus drei verschiedenen Flaschen degustiert: Alle waren plumpsüss und weit davon entfernt, den Anspruch auf einen Jahrhundertwein zu haben. Nach so vielen schlechten Flaschen muss ich allen Yquem-Freunden von einem Kauf des 86ers dringend abraten. Vielleicht erholt er sich irgendwann und wird zu dem, was er anfänglich versprach. Vielleicht erlebt er eine derartige Renaissance wie damals der 82er. Trotzdem ich an und für sich ein optimistischer Mensch bin, fehlt mir dazu momentan der Glaube. 97: Jetzt weiss ich, was das Problem dieses an sich grossen Yquem ist: Er ist zu "kalt". Während der 83er, der 88er und der 89er fast explosiv nach Dörrfrüchten riechen, gibt sich dieser 86er wie ein kalter Chablis: In der Nase finden sich Kalk-, Magnesiumspuren und eine dezente, fast diskrete Süsse. So kann sich auch der im Säurebild gezeigte Botrytis-Ton nicht offenbaren. Auch die nächsten fünf, vielleicht gar zehn Jahre wird man keine Zuneigung erfahren können. Aber – er wird zulegen und in seiner Hochblüte ein Barsac-ähnlicher, grosser Yquem sein. Doch gerade ein paar Monate später wieder eine 16/20 Punktflasche: Parfümiertes Bouquet; facettenreich mit angenehmer Süsse. Saftiger Gaumen, Honigmelonen, gute Länge. Wurde von anderen Degustatoren eher höher bewertet. Es ist leider zu vermuten, dass es wie beim 67er und 75er verschiedene Flaschen gibt! Was aber unter allen Vermutungen als sehr positiv zu werten ist: Dieser Wein hat in zwanzig Jahren das Zeug zu einem Jahrhundertwein zu werden. 99: Zur Krönung eines unvergesslichen Abends bei Christine und Christoph Rageth in Dietikon getrunken und unter Gitarrenklängen zu Grabe getragen: Mittleres Gelb mit ersten Goldreflexen. Sanft röstiges, nach Vanille und Aprikosen duftendes Bouquet, die Botrytis wirkt verdeckt im Hintergrund. Fetter, opulenter Gaumen; die Aromen sind noch verschlossen und der Wein zeigt sogar eine gewisse Tannin-Adstringenz. Kurz nach dem Ausliefern vom Château waren die Anzeichen für einen ganz, ganz grossen Yquem-Jahrgang gegeben. Dann folgten schwierige Jahre und oft auch etwas schwer verständliche Flaschenfüllungen. Und dann hatte ich das absolute Aha-Erlebnis von einem umwerfenden Sauternes. Ein immenses Potential ist ihm auf jeden Fall gewiss. Leider scheint es unterschiedliche Flaschenqualitäten zu geben. Die Besten: 19/20. 06: Die tiefste Farbe aller degustierten Sauternes. Kühles Bouquet, Orangenblüten, Aprikosen, wie frisch gekocht, pfeffrig und reich, kompakte Süsse, sehr parfümiert im Innern, weisser Pfeffer, Zitronat, wirkt noch sehr jung und frisch, endet mit einem enromen Frucht- und auch Süssdruck und weist ein enormes Alterungspotential auf. Ein grosser Yquem der irgendwie seine Sauternestypizität auch mit gewisser, an einen ganz grossen Barsac erinnernder Finesse vermischt. 08: Zwei Mal am gleichen Tag getrunken! Zuerst am Mittag auf Cos d'Estournel mit Jean Guillaume Prâts und dann am Abend mit François Xavier Borie auf Grand Puy Lacoste. Das Primeurgeschäft hat also auch seine guten Seiten! (19/20). 16: Leuchtendes Orange-Gold. Geniales Bouquet, zarte Agrumentöne und eine vielschichtige Botrytisnote, Orangenblüten, frische, erkaltete Aprikosenmarmelade, sehr ausgeglichen. Im Gaumen feinfüllig, balanciert, homogen im Fluss, nachhaltig im Finale. Gehört zu den grossen Yquems, aber nicht zu den spektakulären. Oder vielleicht kommt das noch, denn im Gegensatz zu allen anderen 1986er Sauternes, ist hier noch weiteres Potential vorhanden. Insgesamt ein nicht zu unterschätzendes Finessenpaket. War allen Konkurrenten überlegen. (19/20). 19: : Leuchtendes Gelbgold, noch nicht so entwickelt (der Rieussec ’86 in der gleichen Serie war wesentlich dunkler!). Nachdem ich recht viele 1986er immer wieder verkostete, ist dies der einzige Wein bei dem man von der ersten Sekunde an Botrytis findet. Wenn auch nicht so intensiv. Das Bouquet ist weit ausladend und facettenreich. Es frische Beeren da, hoch reife Früchte und auch getrocknete Früchte. So im Bereich Aprikosen, Pfirsich, Mirabellen und Orangen. Verhalten und zärtlich zugleich. Im Gaumen sublim und doch füllig, die Säure ist eingebunden, der Fluss weich, fast eine seidige Textur aufweisend. Das Finale ist gebündelt, intensiv und sehr lang. Ein ganz grosser Yquem ist es nicht. Jedoch ist hier auch noch nicht das letzte Wort gesprochen, denn die Genussreife fängt erst an. Und weil es a.) ein Sauternes und b.) ein Yquem ist, rechnete ich hier mit einer Genussgarantie bis fast ins Jahr 2100. (19/20). 21: Beim Diner auf Lynch-Bages. Der Wein wurde uns blind serviert. Ich tippte auch 1988 und mutmaste entweder Suduiraut oder Yquem. Den Yquem 1988 hatte ich ein paar Tage zuvor. Es war aber der 1986. Mit halb gereifter, goldener Farbe und zart gürnlichen Reflexen. Die Nase voll von Mirabellen, grünen Pflaumen und Safran. Die Botrytis drängt (noch) ncht so richtig durch und so wirkt der angenehm süss Wein pflanzlich, aprikosig und melassig zugelich. Im Gaumen zeigt er aber wesentlich mehr Grösse. (19/20)